 Wirtschaftskrise und Konsumflaute sind Begriffe, die in den Einkaufszentren, den sogenannten Alışveriş Merkezi (AVM), nicht benutzt werden, denn die gibt es schlichtweg nicht. In den Einkaufszentren boomt das Geschäft, obwohl es die Produkte anderswo schon immer gegeben hat. Aber gerade in den Wintermonaten und auch in den Sommermonaten, wenn es manchmal unerträglich heiß ist, werden die vollklimatisierten und modernen Bazare zum beliebten Ausflugsziel für die ganze Familie. Der ein oder andere Einkauf springt dabei immer heraus.
Gegenwärtig zählt der Einkaufszentren- und Einzelhandelsverband (Alışveriş Merkezleri ve Perakendeciler Derneği - AMPD) insgesamt 243 Komplexe in der Türkei, allein in Istanbul sind es 87. Nach Angaben des Vereinigten Markenverbandes (Birleşmiş Markalar Derneği – BWM) sind in diesen Zentren knapp 950.000 Menschen beschäftigt. In den nächsten drei Jahren sollen weitere 100 AVM eröffnet werden, die für weitere 100.000 Menschen Arbeit bieten sollen.
Das Geschäft boomt und daher wird kräftig weiter gebaut. Im November 2009 legte der AMPD-Umsatzindex deutlich zu. Gegenüber dem Vormonat verzeichneten die AMPD-Experten einen Umsatzanstieg von 9% auf 142 Indexpunkte. Im Jahresvergleich ist der Index sogar um 15% gewachsen.
Diese Entwicklung ist erstaunlich, denn die allgemeine Konsumneigung ist gedrückt. Dies verwundert angesichts der hohen Arbeitslosigkeit nicht. Allerdings gelten für die AVM andere Gesetze. Diese sind nicht nur reine Einkaufsstätten. In den Komplexen, die meist über drei bis fünf Etagen verfügen, sind auch Restaurants, Cafés, Spielstätten sowie Kinos zu finden. Kunden können beruhigt ihre Autos in den Tiefgaragen abstellen. Falls jemand kein Auto besitzt, wird per Shuttle zum Einkaufen transferiert. Alles in allem bietet ein Einkaufszentrum nicht nur Waren, sondern auch ein Erlebnis für die Freizeit.
Das Aufstreben der AVM verdrängt zwangsläufig die zahlreichen Tante-Emma-Läden. Allerdings sind diese nicht ganz verschwunden, denn Tabak, Zeitungen und offizielle Glücksspiele werden an jeder Straßenecke gebraucht, so dass sich viele ehemalige Einzelhändler auf ausgewählte Leistungen konzentrieren. In Anatolien sind die AVM ebenfalls angekommen, wobei noch erheblicher Bedarf besteht. In Istanbul wird es immer enger, obwohl noch zahlreiche Projekte in Planung und Bau sind. Jedes Zentrum versucht ein Alleinstellungsmerkmal zu bieten, damit die Kunden angezogen werden. Die Urbanisierung tut jedoch ihr Übriges, da die neuen Stadtteile auch in den Genuss dieser Konsumtempel kommen wollen.
Für die wirtschaftliche Entwicklung sind diese AVM ein Gewinn, da nur bedingt Kaufkraft von den Innenstädten abgezogen wird. Schwer haben es jedoch unabhängige Bekleidungsgeschäfte, denn die Marken können mit ihrem Filialgeschäft den Wettbewerb deutlich anheizen. Hinzu kommt, dass die AVM insbesondere für junge Menschen viele Arbeitsplätze bieten. Und für das Finanzamt von Bedeutung ist die Bekämpfung der Schattenwirtschaft. Die Geschäfte in den AVM müssen sehr transparent sein, Einkaufsquittungen werden ohne Verlangen ausgehändigt. Das Feilschen, ein Muss auf orientalischen Bazaren, hat die Modernisierung trotz allem überlebt. So wird munter weiter gekauft und weiter gefeilscht.
Anmerkung: Die Graphik zeigt den Verlauf des AMPD-Umsatzindex Datenquelle: AMPD
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